Fast acht Millionen Menschen leben in Deutschland von einer Mindestsicherung, immer weniger finden eine bezahlbare Wohnung. Das „Jobwunder“ boomt vor allem in der Leiharbeitsbranche. Der deutsche Arbeitsmarkt wird härter.

Um dem Wettbewerb standzuhalten, braucht man fünf Dinge: gute Startchancen, verwertbare Ausbildungen, Beziehungen, Gesundheit und möglichst keine familiären Pflichten. Andernfalls schwinden die Chancen auf ein auskömmliches Dasein. Rund ein Zehntel der Menschen lebt im Land der Exportweltmeister am oder unter dem Grundsicherungsniveau. Die Zahl der Wohnungslosen wächst rasant. Der viel gepriesene Jobboom endet für immer mehr Menschen im prekären Arbeitsmarkt. Und: Nicht nur die Bedingungen werden rauer, sondern auch bezahlbare Wohnungen weniger.

Die Zahlen verstecken sich in nüchternen Tabellen. So meldete das Statistische Bundesamt in dieser Woche, dass Ende 2016 etwa 7,9 Millionen Menschen in Deutschland von einer Grundsicherung lebten. Davon bezogen sechs Millionen Betroffene, einschließlich Kindern, vollständig oder aufstockend Hartz IV. Rund 1,03 Millionen Alters- oder Frührentner benötigten zusätzliche Sozialhilfe. Bei beiden Leistungen beträgt der Regelsatz für Alleinstehende aktuell 409 Euro plus eine „angemessene“ Miete.

Hinzu kamen im vergangenen Jahr 728.000 Bezieher von Asylbewerberleistungen. Diese Personengruppe erhält etwas weniger Geld als Hartz-IV-Berechtigte. So werden etwa Alleinstehenden 351 Euro neben der Unterkunft gewährt. Allerdings müssen sie davon ihren Strom nicht selbst bezahlen.

Die meisten Armen in Berlin, Bremen und Hamburg

Den Spitzenplatz in der Armutsskala hält weiterhin die Hauptstadt. Fast 672.000 Einwohner müssen dort auf dem Niveau der Mindestsicherung leben. Das ist ein knappes Fünftel aller Berliner. Auch der Anteil der Flüchtlinge, die Asylbewerberleistungen erhalten, liegt dort mit knapp 1,2 Prozent der Hauptstadtbewohner am höchsten.

Berlin eng auf den Fersen ist des kleinste Bundesland Bremen. 18,3 Prozent der Menschen beziehen dort eine Grundleistung vom Staat. In Hamburg sind knapp 14 Prozent, in Sachsen-Anhalt 12,5 Prozent der Einwohner darauf angewiesen, gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen mit zwölf sowie Brandenburg und dem Saarland mit rund zehn Prozent. Schlusslicht in der Skala bleibt Bayern. Dort erhält jeder zwanzigste Einwohner entweder Hartz IV, Sozialhilfe oder Asylbewerberleistungen.

Den weitaus kleinsten Posten machen laut Statistik die Leistungen für Flüchtlinge aus. Bundesweit sind 0,9 Prozent der Bevölkerung darauf angewiesen. Gemessen an der Einwohnerzahl, trägt auch hier Berlin die höchste Last. Die Millionenstadt muss knapp 42.300 Asylsuchende grundversorgen, das sind knapp 1,2 Prozent der Bewohner. Nur knapp darunter liegen Hessen mit 1,1 Prozent sowie Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein mit rund einem Prozent leistungsberechtigter Asylbewerber. Im Saarland bedürfen hingegen nur 0,2 Prozent der Menschen dieser Hilfe. In Mecklenburg-Vorpommen und Thüringen sind es rund 0,5 Prozent, in Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Bayern etwa 0,7 Prozent.

Wie viele anerkannte Flüchtlinge im vergangenen Jahr ins Hartz-IV-System wechselten, geht aus der Statistik nicht hervor. Nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bestritt 2016 mehr als ein Drittel der Flüchtlinge seinen Lebensunterhalt durch Erwerbsarbeit, ein weiteres Zehntel absolvierte eine Ausbildung. Etwa jeder vierte Flüchtling suchte nach Arbeit, war demnach bereits anerkannt und bezog Hartz IV. Etwa 30 Prozent gingen weder einem Job noch einer Ausbildung nach, was Betroffenen mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus während des Bezugs von Asylbewerberleistungen auch nicht erlaubt ist.

Leiharbeit größter Posten bei offenen Stellen

Die knapp acht Millionen Bezieher von Grundsicherung repräsentieren nicht alle Armen. Einer Studie des Finanzportals cecu.de zufolge leben im Deutschland des Jahres 2017 etwa 13 Millionen Menschen an oder unter der Armutsgefährdungsgrenze. Für einen Alleinstehenden bedeutet das, jeden Monat mit weniger als 979 Euro auskommen zu müssen. Das liegt vor allem an zunehmend prekärer Lohnarbeit.

Zwar jubeln Politik und Bundesagentur für Arbeit (BA) seit Monaten über sinkende Arbeitslosen- und steigende Beschäftigungszahlen. Nur noch 2,47 Millionen Deutsche sollen aktuell keinen Job haben, gab die BA am Donnerstag bekannt. Die Zahl der Arbeitsplatzbesitzer sei hingegen auf 44,7 Millionen gestiegen. Doch bei näherem Hinsehen wird klar: So rosig ist die Situation nicht, wie die Agentur glauben machen will.

So verfügten nur drei Viertel der Erwerbstätigen, etwa 32,7 Millionen, über einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz. Davon arbeitete jeder Dritte in Teilzeit. Vor allem Frauen sind davon betroffen. Fast jede zweite weibliche Beschäftigte ging im vorigen Jahr einem Halbtagsjob nach. Und jeder vierte Lohnerwerbstätige erhielt zuletzt weniger als zehn Euro pro Stunde, im Osten sogar jeder Dritte.

Der gelobte Jobboom entpuppt sich schnell als Augenwischerei. Gut 740.000 freie sozialversicherungspflichtige Stellen meldete die Bundesagentur im November 2017. Allerdings waren davon 116.000 Jobs von vornherein befristet. Fast ebenso viele Teilzeitstellen befanden sich unter den Angeboten. Die Leiharbeit war mit 250.000 offenen Arbeitsangeboten der größte Posten.

Dass Jobcenter mit Zeitarbeitsfirmen zusammenarbeiten und Erwerbslose unter Androhung von Sanktionen dorthin vermitteln, ist bekannt. Weitere 60.000 Jobs betrafen gar keine abhängige Beschäftigung, sondern waren als „freiberufliche Tätigkeiten“ deklariert. Zehntausende fielen unter schwammige Bezeichnungen wie „sonstige Dienstleistungen“, „private Haushalte“ oder „Kunst, Erholung und Unterhaltung“.

Auch sagt die Statistik nicht aus, wie viele der Angebote tatsächlich freie Stellen betrafen. Bekannt ist, dass vor allem private Arbeitsvermittler häufig mit Beschreibungen werben, nur um ihren Pool an potentiellen Arbeitskräften aufzustocken. Doppelte Ausschreibungen sind gang und gäbe.

Bald eine Million Wohnungslose

Die Kämpfe in den unterprivilegierten Gesellschaftsschichten werden zusehends existenzieller. Längst geht es dabei nicht nur um Jobs. Die Mieten steigen und bezahlbare Unterkünfte werden rarer. In Großstädten ist das größer werdende Elend auf den Straßen seit Jahren sichtbar. Die Zahl der Obdachlosen steigt rasant. Wie die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) in ihrer Mitte November veröffentlichten neuen Studie schätzt, könnte sie demnächst die Eine-Million-Marke überschreiten.

Es sei zu erwarten, heißt es darin, dass Ende des kommenden Jahres 1,2 Millionen Menschen in Deutschland ohne eigene Wohnung und auf Notunterbringung durch Bekannte, Verwandte oder Kommunen angewiesen sein werden. Aktuell seien bereits rund 860.000 Menschen betroffen, mehr als doppelt so viele, wie noch vor drei Jahren. Etwa 52.000 dieser Menschen lebten dauerhaft auf der Straße. „Seit 2014 ist das ein Anstieg um 33 Prozent“, warnen die Autoren. Und: Der Trend gehe weiter nach oben.

Gut die Hälfte der wohnungslosen Menschen sind nach Angaben der BAGW anerkannte Flüchtlinge. Diese müssten aus ihren Massenunterkünften eigentlich ausziehen, können es aber nicht, weil sie keine Bleibe finden. Insgesamt gesehen lebt demnach ein Drittel aller Obdachlosen mit Partnern und/oder Kindern zusammen. Immer mehr Frauen gerieten in diese prekäre Lage, aktuell seien es rund 100.000. Die Zahl der Minderjährigen, die in Deutschland auf der Straße sitzen, schätzt der Verein auf 32.000 – Tendenz steigend.

Wachsende Armut in Ost- und Südeuropa

Besonders hart trifft es Arbeitsmigranten aus östlichen und südlichen EU-Ländern. Dort ist die Wirtschaft schwächer als in Deutschland. Die Arbeitslosigkeit ist weit höher, die sozialen Standards ungleich niedriger. In größeren Städten verdingen sich EU-Migranten häufig auf dem sogenannten Tagelöhner-Strich. In der Regel sind diese Menschen nicht krankenversichert. Oft leben sie unter prekärsten Bedingungen.

Die BAGW schätzt, dass ungefähr jeder achte Obdachlose ein EU-Migrant ist. In Großstädten stelle die Gruppe sogar die Hälfte derer, die komplett auf der Straße leben. Sie haben keinen Zugang zur Sozialhilfe. Aus diesem Grunde weisen viele Notunterkünfte sie selbst bei Minusgraden ab. Den meisten Kommunen mangelt es ohnehin an solchen Plätzen. Das Europäische Statistikamt Eurostat zählte zuletzt 2015 insgesamt gut 460.000 Arbeitsmigranten aus ärmeren EU-Staaten in Deutschland.

Die BAGW sieht mehrere Faktoren als Ursache des dramatischen Anstiegs des Elends: „Das Angebot an bezahlbarem Wohnraum ist unzureichend, der Bestand an Sozialwohnungen schrumpft ständig“, erklärte deren Geschäftsführer Thomas Specht. Aktuell gibt es demnach noch 1,2 Millionen solcher mietpreisgebundenen Unterkünfte, etwa 60 Prozent weniger als im Jahr 1990. Außerdem hätten Kommunen und Bundesländer massenhaft Wohnungsbestände an private Investoren verkauft. Insgesamt, so Specht, „fehlen mindestens elf Millionen Kleinwohnungen“. Auch das trage zur Preisexplosion bei.

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