Gefangenenaustausch im deutschen Fernsehen: Propaganda für Merkel – Show für Poroschenko

Der ukrainische Präsident hat den jüngsten Gefangenenaustausch zur Selbstdarstellung genutzt und Kanzlerin Merkel maßlos geschmeichelt. Deutsche Medien bejubelten Kiews Konzert der Eitelkeiten. Die Wahrheit hinter der Vereinbarung blieb auf der Strecke.

von Wladislaw Sankin

Wer am 27. Dezember den ZDF-Bericht über den Gefangenenaustausch in der Ukraine sah, konnte auf den Gedanken kommen, es handele sich um die Freilassung irgendwelcher deutscher Geiseln und nicht um Ukrainer, so mitgenommen schienen die Berichterstatter von diesem Ereignis zu sein:

Glücklich schließen sie ihre Liebsten wieder in die Arme“, frohlockt von ihren Gefühlen überwältigt die ZDF-Journalistin über den Empfang der ukrainischen Gefangenen auf dem Kiewer Flughafen.

Überall glückliche Gesichter, Selfies, Blumen und ukrainische Fahnen. Dann betritt der Star des Abends die Bühne: Mit sicherem Schritt und selbstbewusst im Camouflage-Anzug auftretend umarmt er die Freigelassenen fest und schreitet zum Mikrofon. Dort, umgeben von einem ganzen Hofstaat von Geistlichen und Militärs, preist der ukrainische Präsident Petro Poroschenko die Tapferkeit, das Durchhaltevermögen und den Freiheitswillen seiner Soldaten. Und, ganz wichtig, wie die Journalistin übermittelt: Er bedankt sich „ausdrücklich“ bei der deutschen Kanzlerin Angela Merkel und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron für deren Hilfe. Und das Gleiche nochmal als Bauchbinde im Studio: „Dank an Merkel und Macron“.

ARD und ZDF hängen dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko während seiner Propaganda-Reden gerne an den Lippen. Auf dem Bild: Poroschenko tritt am 27. Dezember auf dem Kiewer Flughafen auf.

Hofberichterstattung für die „Weltkanzlerin“

Der ZDF-Verweis auf die „unerträglichen Bedingungen“ der Haft rundet das Bild ab: Die Lichtgestalten Merkel und Poroschenko holen die armen ukrainischen Soldaten aus der Hölle – die auf das Konto der „prorussischen Separatisten“ geht. Der PR-Profi Poroschenko versteht es, sich zur rechten Zeit in Szene zu setzen. Und er weiß, womit er den europäischen Eitelkeiten schmeicheln kann. Zu lange war es still um das so genannte Normandie-Format geworden, zu willkommen war nun die Gelegenheit für die deutsche und französische Seite, sich mit einer Presseerklärung zum Gefangenenaustausch wieder zu Wort zu melden. Den Rest erledigen die Journalisten der öffentlich-rechtlichen Sender: Sie wissen es schon, wie und an wen man sich richten muss.

Doch dieses fabelhafte Bild des ZDF hat mit der ukrainischen Realität nur wenig zu tun. Und es geht hier definitiv nicht nur darum, dass der umstrittene Milliardär und bekennende Russlandhasser Petro Poroschenko in solch martialischen Posen im deutschen Fernsehen eigentlich wenig verloren hat. Der Bericht, der mit dem Titel „Gefangenenaustausch in der Ukraine“ den Anspruch erhebt, umfassend zu berichten, desinformiert auf ganzer Linie. Er nennt nicht einmal die Zahlen der gegenseitig ausgetauschten Gefangenen.

Wer doch mehr wissen wollte, wurde immerhin im ARD-Bericht „Poroschenko begrüßt freigelassene Ukrainer“ fündig:

Die Separatisten haben 74 Gefangene freigelassen, die ukrainische Regierung 233.

Dieser Satz suggeriert nicht nur, dass die östlichen Territorien, wo bis zu vier Millionen Menschen leben, im Unterschied zur Ukraine gar keine Regierung haben. Er sollte vor allem die Frage aufwerfen, warum die Ukraine, die den selbsterklärten Donbass-Republiken um das Achtfache überlegen ist, dreimal so viel Gefangene an diese zurückgegeben hat. Ob tatsächlich nur Kombattanten betroffen waren oder auch Menschen, die gar nicht an Kämpfen teilnahmen. Dieser naheliegenden Frage gehen die deutschen Fernseh-Journalisten jedoch nicht nach.

Wenn der Verwandtenbesuch zur Falle wird

Und dort, wo die Journalisten des Zweiten Deutschen Fernsehens dieser Frage versehentlich zu nahe kommen, versuchen sie eine falsche Spur zu legen. So erzählt eine junge Frau Namens Swetlana im Bericht „Kiew und Rebellen tauschen Gefangene“ direkt nach dem Aussteigen aus dem Bus über ihre dreijährige Gefangenschaft und die schrecklichen Bedingungen während ihrer Haft:

Wir wurden sehr schlecht behandelt, ganz furchtbar. Die Verpflegung war der Horror und da waren Ratten und Kakerlaken.

Doch, von wem die Betroffenen – die Frau war ja nicht die Einzige – so schlecht behandelt wurden, sagen die Journalisten nicht. Stattdessen nennen sie Swetlana vielsagend „die Ukrainerin“. Da die selbsternannten Republiken ihre Zugehörigkeit zur Ukraine bestreiten, kann dies nur eines bedeuten – es konnten nur die Separatisten sein, die Swetlana willkürlich während ihrer Reise zu Verwandten unter dem Vorwurf des Terrorismus verhaftet hatten. Nur das Problem ist, dass dies in Mariupol geschah, einer frontnahen Großstadt, die die Ukraine kontrolliert. Doch wer unter der ZDF-Zuschauerschaft weiß schon so genau, in welchem Gebiet der Ukraine Mariupol liegt?

Die Geschichte von Swetlana deckt sich mit Aussagen vieler anderer Gefangener, die die ukrainische Seite an diesem Tag Donezker und Lugansker Behörden übergeben hat. Sie beschweren sich über Folter und Misshandlungen, schlechtes Essen wie faulen Fisch und das Fehlen von Tageslicht während der Haft. Nur wenige von ihnen sind von der Volkswehr. Es sind stattdessen oft nur Menschen, die entweder wie Swetlana zu Besuch auf ukrainisch kontrolliertem Gebiet waren oder Menschen, die im Verdacht standen, nicht loyal gegenüber der Putschregierung zu sein. Des „Separatismus“ und der „Teilnahme an einer terroristischen Vereinigung“ angeklagt, wurden sie zu langen Haftstrafen verurteilt.

Nur wenige Gefangene Kiews waren in der Volkswehr

Wie kommt man an ihre Geschichten? Der Journalist des russischen Senders Rossija 1 besteigt den Bus, in dem die freigelassenen Gefangenen in Richtung Lugansk fahren. Er fragt, wieviel von ihnen von der Volkswehr wären? Nur drei heben die Hände. Der Journalist kommt ins Gespräch. Das sind einfache Menschen – Bauern, Arbeiter, Alte und Junge. Ein älterer Mann erzählt von ständigen Schikanen vonseiten der Ukrainer – es sei nichts erlaubt gewesen in der Haft. Ein junger Mann Anfang zwanzig erzählt über seine Gefangennahme anlässlich des Besuchs seiner Verwandten. Unter Androhung von Schikanen gegen diese („Wir wissen, wo deine Großmutter lebt“) hat der ukrainische Sicherheitsdienst SBU ihn dazu gezwungen, belastende Unterlagen zu unterschreiben. In der Gefangenschaft mussten er und seine Mitinsassen schon mal Gräber für sich selbst ausheben, Prügeleien wären an der Tagesordnung.

Viele der insgesamt 233 Freigelassenen haben gar keine Dokumente oder kein Zuhause auf dem Gebiet der nicht anerkannten Volksrepubliken. Unter ihnen gibt es auch bekennende Gegner der Kiewer Führung oder einfach nur kritische Blogger – ihre Freilassung kommt einer Verbannung gleich. Die Verfahren gegen sie werden wiederaufgenommen, sobald sie wieder das ukrainische Territorium betreten.

Wie „unerträglich“ dagegen die Bedingungen waren, unter denen ukrainische Soldaten ihre Gefangenschaft absitzen mussten, dessen konnte der ZDF sich vor Ort in einem Gefängnis „in der Ostukraine“ vergewissern – in einem Beitrag, den der Sender ebenfalls am 27. November ausstrahlte. Da saßen die Gefangenen in einem hellen Mehrbettzimmer, sie erzählten, sie hätten Kontakt mit ihren Verwandten. Tristesse war dabei das passende Wort, das ihre Haftbedingungen umschreibt. Aber von Unerträglichkeit war keine Rede. In einem anderen Video, das RT sichten konnte, aufgenommen von Donezker Fernsehjournalisten, sieht man die gleichen Protagonisten, wie diese wenige Monaten zuvor Pakete von ihren Verwandten in Empfang nehmen. Sie bedanken sich bei ihrer Betreuerin für ihre Anteilnahme.

Merkel und Macron haben nur wenig zum Austausch beigetragen

Genauso grob nachgeschoben in den Berichten des deutschen Fernsehens zeigte sich auch die Rolle von Merkel und Macron bei dem Austausch. Sie haben in der Tat in einer gemeinsamen Presseerklärung eine politische Stellungnahme dazu abgegeben. Aber die „große humanitäre Geste“ haben ganz andere politische Kräfte eingeleitet und durchgesetzt: Der ukrainische Politiker Wiktor Medwedtschuk – ein Mann aus der Riege des Ex-Präsidenten Wiktor Janukowytwsch -, der Patriarch der Russischen Orthodoxen Kirche, Kyrill, und der russische Präsident Wladimir Putin. Im November berichtete das ZDF sogar in korrekter Weise über die Initiative. Doch als es tatsächlich soweit war, ging der Gefangenenaustausch plötzlich „dank Merkel und Macron“ vonstatten.

Angesichts all dessen kann RT an dieser Stelle nur einen Tipp an das deutsche Fernsehen geben, sollte dieses tatsächlich Interesse haben, umfassend und wahrheitsgetreu über den Ukraine-Konflikt zu berichten – nämlich mal mit der Menschenrechtsbeauftragten der Donezker Volksrepublik, Darja Morozowa, zu sprechen. Die energische junge Frau hat Überblick über jeden Gefangenen der eigenen und der Gegenseite und ist bei jedem Austausch immer persönlich vor Ort.

Auch am 27. Dezember, als in der Pufferzone, in welcher der Austausch stattfinden sollte, plötzlich von ukrainischer Seite unbefugte Personen in großer Zahl auftauchten, begab sie sich auf eigenes Risiko auf das ukrainische Gebiet und handelte die zu scheitern drohende Maßnahme an einem anderen Ort aus. Leute wie sie sind die wahren – wenn man so will,  die humanitären – Helden dieses Konflikts und nicht Petro Poroschenko, der brachiale Zündler, der einfach nur weiß, wie man Show macht.

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