Jenseits der Schmerzgrenze: Im Land der Selbstdrangsalierung In Sachen Innenpolitik ist Deutschland bald das neue Italien.

Von aussen betrachtet, sieht es so aus: In Sachen Innenpolitik ist Deutschland bald das neue Italien. Mit dem erheblichen Unterschied, dass es sein Zaudern, sein Scheitern, seine Auseinandersetzungen, seine Unfähigkeiten ganz ohne Zauber veranstaltet. Da kann etwa die SPD-Spitze in ihrer sonntäglichen Marathon-Sitzung von acht Stunden so viel Pizza essen, wie sie will. Macht die ganze Sache um die Zukunft der 18. Legislaturperiode Deutschlands auch nicht appetitlicher.

Was Deutschland gerade veranstaltet, ist Deutschlands nicht würdig. Der Motor Europas, die viertstärkste Wirtschaft der Welt, jene Instanz, die aufgrund ihrer Potenz und Selbsteinschätzung andern in Europa gerne vorschreibt, wie sie zu regieren haben, benimmt sich noch umständlicher als kleine Menschen im Kindergarten, die die ungeheure Aufgabe bekommen haben, zwei Gruppen zu bilden. Da bleibt all jenen, die jenseits der Grenze auf dieses deutsche Laientheater blicken, nur Kopfschütteln.

Gelegentlich hat man den Eindruck, Deutschland leide unter einer komplizierten Form einer bipolaren Störung, die dazu führt, im Manischen depressiv und im Depressiven manisch zu werden. Wie jetzt, da das pennälerhafte Scheitern einer Grossmacht, sich selbst eine tragfähige Regierung zu schaffen, offenbar wird, kommt Deutschlands selbstzerfleischende, kleingeistige Seite zum Vorschein, die sich alle Beteiligten umgehend, die Kanzlerin zuerst, als lebendige Demokratie schönreden.

Ein bisschen tragisch die FDP

Wahrscheinlich ist dieses pathologische Verhalten ein neurotischer Reflex, hervorgerufen durch die deutsche Erbsünde von vor rund 80 Jahren, als in der späten Retrospektion erkannt wurde, dass so ziemlich alles falsch lief und in den Untergang, und der Reflex ist eine Urangst, nach dem einen grossen, generell weitere Fehler zu begehen.

Das erklärte die gerade stattfindenden Petitessen einer Grossmacht. Alle haben Angst. Die Union davor, nicht mehr das Schwungrad des Landes zu sein. Die FDP, dieser gerade wachsende Baum, vom Schatten einer wenn auch angeschlagenen deutschen Eiche des Sonnenlichts beraubt zu werden. Die SPD, gar nicht mehr zu wachsen, sondern nur noch zu schrumpfen. Die Grünen, dass ihre Zukunft ihre Vergangenheit sein wird. Die Linke, dass sie gar nicht mehr wahrgenommen wird, und die AfD, dass alle andern die Angst überwinden könnten und ihnen dann die Munition ausginge.

Der ziemlich tragischste Fall dieser Tage sind die Grünen. Die Grenze zwischen Anbiedern und Charakterfestigkeit im Hinblick auf ein paar so sehr herbeigesehnte Plätze auf der Regierungsbank wurde knapp noch so gewahrt. Und jetzt ist, wie vor vier Jahren, wieder nichts und sie tun, was Deutschland auch tut; einen Steigerungslauf in Richtung eines manischen Betriebszustandes, der eine problemlose Verklärung des pauvren Istzustandes ermöglicht.

Ein bisschen tragisch die FDP. Die ganze «Phoenix aus der Asche»-Nummer, dieser kleine Höhenflug mit neuen Flügeln, und dann, am Ende des Tages, eben doch nur ein Trittbrettfahrer, der bei der erstbesten Gelegenheit abspringt. Und der zeigt, dass er mehr mit seinen eigenen Flugversuchen in einem kleinen Käfig noch beschäftigt ist als mit dem Fliegen der schon flügge Gewordenen unter freiem Himmel.

Und das ist die mittelgrosse Tragödie bei alledem. Es läuft alles für Merkel.

Am Wochenende sprach der Kapitän der noch Flugbeeinträchtigten, sagte, schon wieder, dass der Jamaika-Vogel sowieso nur mit heftig gestutzten Flügeln orientierungslos geflogen wäre, und er lieber nicht fliegen würde, als falsch. Und dass er und die FDP in vier Jahren den goldenen Käfig verlassen würden und abhöben in Höhen, gegen die die jetzigen ein Witz seien. Vier Jahre noch wird Lindner an seinen eigenen Heldenepos Hand anlegen und dann ganz, ganz oben fliegen wollen; als Bundeskanzler. Oder als Ikarus.

Ganz tragisch die SPD. Fast wie eine Tombola, nur dass da kein Los ist mit einem Hauptgewinn. Man zieht ein Los, da steht Opposition drauf, dann eines, auf dem steht GroKo, das ist wie Pest oder Cholera, dann gibt es Lose, auf denen stehen Namen, Sigmar Gabriel oder Heiko Maas, und alle Lose, auf denen einst Martin Schulz stand, sind wie verschwunden.

Das Verhalten der SPD seit einer Stunde nach den ersten Hochrechnungen der Bundestagswahl am 24. September um 18 Uhr ist eine Gebrauchsanweisung zum Misserfolg; der Sprint in die Opposition ist natürlich das Ergebnis eines vier Jahre langen Marathons, bei dem die SPD stets hinterhergerannt ist. Aber der SPD ist leider entgangen, dass sie erst hinter der Ziellinie anfing, noch gewinnen zu wollen. Kein Wunder, bedeutet GroKo für sie inzwischen grosses Kotzen.

Das Erbrechen am eigenen Verhalten ging weiter. Wir stehen nicht zur Verfügung, zuerst, dann, wir stehen nur unter gewissen Umständen zur Verfügung, vielleicht. Wir stünden nur im Interesse Deutschlands zur Verfügung, weil GroKo ist Martyrium. Wir befragen zuerst unsere Mitglieder, dann entscheiden wir uns. Und wenn sich unsere Mitglieder für eine erneute GroKo entscheiden sollten, wollen wir jetzt schon sagen, dass es ohne Rückkehrrecht von Teilzeit auf Vollzeit, ohne Bürgerversicherung, Besserstellung von Pflegepersonal, vernünftigem Rentenalter und so weiter mit uns nicht zu machen ist.

Zu sehen ist noch nicht allzu viel, und was man sieht, sieht aus, als ob das nicht Deutschland wäre.

Und das ist die mittelgrosse Tragödie bei alledem. Es läuft alles für Merkel. Am Ende dieser bundesdeutschen Burleske hat sie, wenn es so weitergeht, als Einzige alles versucht, auch wenn dann alles, was sie versucht hat, gescheitert ist. Aber Angela wird bis zuletzt gekämpft haben, mit allem und mit jedem fast, wird nie hingeworfen oder verworfen haben und eine deutsche Tugend alter Tage praktiziert: nie aufgeben. Und wenn Neuwahlen der Weg dieses gerade unwegsamen Deutschlands sein werden, wird sie der Phoenix sein, der der Asche der Koalitionen entsteigt.

Die kleine Tragödie in dieser Komödie scheinen die Linke und die AfD zu sein. Wenn man relative Belanglosigkeit bei der Linken und, wie unlängst, ein bisschen parlamentarischen Krawall bei der AfD als kleine Tragödie definiert. Rührend, wie die Linke stets soziale Gerechtigkeit anmahnt, und typisch, wie die AfD alles, was nicht von ihr kommt, als Angriff und Diffamierung ihrer selbst wahrnimmt und dann abgeht wie ein Zäpfchen. Aber das sind Nebenschauplätze und werden es auch bleiben.

So zeigt sich Deutschland dieser Tage aus der Vogelschau. Zu sehen ist noch nicht allzu viel, und was man sieht, sieht aus, als ob das nicht Deutschland wäre. (Basler Zeitung)

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