„Judenhass“ in Deutschland ist eine zu einfache Erklärung

Für viele Politiker, Kommentatoren und Bürger in Deutschland reicht es in der gegenwärtigen Situation aus, mit dem Finger auf den „muslimischen Antisemitismus“ zu zeigen. Doch so einfach, wie man es sich vielerorts macht, ist die Sache nicht.

Meist kommen zigfach genannte Vergleiche zum Zug, die als „Beweise“ für die gesuchte Kooperation des damaligen palästinensischen Anführers und Mufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, mit Hitlers Nazideutschland gelten. Es werden dann Bilder, die Husseini mit Hitler zeigen, gestreut. Oder es werden Belege angeführt, dass der Mufti (den übrigens die Briten selbst in den Rang eines Großmufti erhoben und dabei palästinensischen Widerstand gegen diese Entscheidung brutal niederschlugen) finanzielle Unterstützung aus Berlin erhielt.

Hans Goldenbaum, Doktorand am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschungin Halle an der Saale, machte in einem Artikel in ZEIT ONLINE klar, dass Amin Husseini lediglich ein kleines Rädchen im Getriebe der nationalsozialistischen Propaganda war, und schon gar nicht mit einer Stimme für alle „Araber und Muslime“, wie er sich selbst gerne präsentierte, gesprochen hat. Dass man den „Großmufti“ als Beweis für eine angeblich inhärente antisemitische Haltung von Muslimen im Allgemeinen und Arabern im Besonderen nennt, ist allerdings nur allzu verständlich.

Mit Lobpreisungen an den „genialen Führer“ Adolf Hitler und dessen festen Absicht, keine weiteren Juden mehr nach Palästina zuzulassen und sie stattdessen lieber „dorthin zu schicken, wo sie unter starker Kontrolle stehen, z. B. nach Polen“, lieferte er für den heutigen Diskurs auch mehr als genug Munition. Doch es ist falsch, solche Beispiele aus ihrem historischen Kontext zu reißen und sie für eigene Zwecke und Vorstellungen zu missbrauchen. Und es ist richtiggehend fatal, sie als Beweise für „muslimischen Antisemitismus“ anzuführen und dabei alle Muslime über einen Kamm zu scheren.

Benjamin Steinitz von der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus in Berlin hielt das auch entsprechend korrekt in einem Interview mit der SZ fest:

Ich finde es schwierig, von ‚importiertem Antisemitismus‘ zu sprechen. Das suggeriert nämlich, dass das Problem von aussen kommt. Antisemitismus ist aber Teil der europäischen Kulturgeschichte, insbesondere der deutschen. Wer das bestreitet, leugnet die schlimmsten Verbrechen, die es je gegeben hat. Antisemitismus in Deutschland hat viele Ausdrucksformen. Der Kern ist häufig die Überzeugung, dass es eine jüdische Verschwörung gibt. Juden gelten als das ultimative Andere, das ultimative Böse.“

Paradebeispiel für diese Kategorie ist der CDU-Spitzenpolitiker Jens Spahn, der in den letzten Tagen wortgewaltig in Erscheinung getreten ist, und dem sogar die Jüdische Allgemeine bereits 2015 höflich attestiert hat, „von Geschichte sehr wenig Ahnung“ zu haben. Statt wie Spahn das Problem zu verallgemeinern, spricht es ein Anwalt aus Köln mit jüdischen Wurzeln, der lieber anonym bleiben möchte, konkret an:

Ich berate pro bono auch syrische Flüchtlinge juristisch. Die Gruppe der syrischen Flüchtlinge hat eine Anomalie. Es sind überproportional viele Anhänger islamistischer Strömungen dabei (al-Qaida, Ahrar al-Sham und deren Alliierte der Freien Syrischen Armee. Deshalb ist ‚Antisemitismus‘ weiter verbreitet.“

Da haben wir es also. Nebst der Tatsache, dass bei vielen Deutschen mit muslimischem Hintergrund das Problem mit erzieherischem Feindbild des Juden besteht, dieses Feindbild dann auch noch in einigen Moscheen und arabischen Fernsehsendern bestärkt wird, ist es doch so, dass das, was Jens Spahn als „importierten Antisemitismus“ beschreibt, eine unmittelbare Quittung deutscher Politik in Syrien ist. In Amerika, wo es übrigens genau das gleiche Problem gibt, bezeichnet man das als „Blowback“.

Und ebenso wie in Amerika ist es nicht nur die Syrienpolitik, die für diese Entwicklung und Einwanderung von „überproportional“ vielen Anhänger islamistischer Strömungen verantwortlich ist, wie mir der Kölner Anwalt sagte. Es ist die grundsätzliche Nahostpolitik, die solche Strömungen aktiv fördert und indoktriniert.

Indem Saudi-Arabien und Israel zu US-europäischen Eckpfeilern der Nahostpolitik gemacht wurden, haben unsere Politiker seit Jahren bewusst in Kauf genommen, dass der wahhabitisch inspirierte Religionsextremismus sich frei entfalten und die traditionellen Riten und Schulen im Islam vergiften konnte. Die tiefgreifenden Umwälzungen in der Region, die durch die amerikanische Invasion des Iraks 2003 ihren Anfang nahmen und in der Folge Tür und Tor für Terror und blinden religiösen Eifer öffneten, sind ebenfalls direkte Auswirkungen der von Brüssel und Washington verfolgten Politik. Allerdings findet diese Entwicklung des wahhabitischen Extremismus hierzulande nicht erst jetzt mit den syrischen Flüchtlingen statt, sondern begann bereits vor über zwanzig Jahren mit den Kriegen auf dem Balkan.

Solange wir nicht anfangen, verantwortungsvoll mit dem Thema „Antisemitismus“ umzugehen, bleibt es eine heuchlerische Debatte, die gerade geführt wird. Nicht nur das, es kann auch potenziell zu gefährlichen Ausbrüchen kommen, wie wir es eben erst jüngst erlebt haben. Verantwortungsvoll bedeutet aber auch, die Sorgen und berechtigten Vorwürfe der „anderen“, nämlich der Muslime im Allgemeinen und levantinischen Araber im Besonderen, ernst zu nehmen und zu berücksichtigen.

Solange wir, und mit „wir“ meine ich hauptsächlich die deutsche Politik und Mehrheit der Journalisten, die Augen davor verschließen, wird uns ihre Geschichte immer mit Gewalt entgegnen. Wir können so tun, als ob es ihre Geschichte nicht gäbe oder sie die Gleiche ist, wie wir sie uns vorstellen, aber wir werden dann immer die leidvolle Erfahrung machen müssen, dass sich Geschichte nicht unterdrücken lässt und teilweise mit Gewalt an die Oberfläche stößt.

Wie viele der Kommentatoren oder Politiker haben sich denn wirklich die Mühe gemacht, mit den Menschen aus Syrien, Libanon oder Israel/Palästina zu sprechen? Ihnen einfach zuzuhören? Dann würde man nämlich Dinge hören, die nichts mit dem stereotypen Verteufeln der Juden zu tun hat, wie man es im Allgemeinen so darstellt. Natürlich gibt es die wildesten Verschwörungstheorien über Juden und Israel. Diese gibt es aber auch über Amerika, Großbritannien oder Deutschland.

Jeder, der schon einmal in einem dieser Länder war, wird feststellen, dass es schon fast ein nationales Hobby ist, sich über die großen Verschwörungen dieser Welt die Köpfe zu zermartern. Das ist ein unweigerliches Faktum dieser Region und gehört dazu, wie der Tee in der Kasba. Schält man diese Dinge aber ab, bleiben nur noch wenige Punkte übrig, die die Menschen seit über einhundert Jahren von Generation zu Generation ihren Nachkommen mit auf den Weg geben: Kolonialismus, Nationalismus, Ehre und Stolz.

Es wird in allen Schulen, ob im Libanon, Syrien, Palästina, Jordanien oder dem Irak das Gleiche gelehrt: Die Briten haben dafür gesorgt, dass der Zionismus in Nahost Fuß fassen konnte und ein europäisches Problem, die sogenannte „Judenfrage“, nach Palästina exportiert wurde. Sie alle, zumindest die Nationalisten jener Tage, hofften sich der Fesseln des Osmanischen Reiches entledigen zu können und eigene, unabhängige und freie Staaten gründen zu können.

Um dieses Ziel zu erreichen, klammerten sie sich an jene Mächte, die die besten Chancen dafür boten. Zuerst waren es die Briten, die ein großes „Arabisches Königreich“ versprachen, sollten sich die Araber ihnen anschließen und gegen die Osmanen kämpfen. Doch statt einem großen, unabhängigen Königreich, gab es kleine Reiche, die von den neuen Kolonialherren Großbritannien und Frankreich abhängig waren. Diese Aufteilung von Ländern und Menschen, deren Grenzen oft mit dem Maßstab auf der Karte gezogen wurden, wirft ihre Schatten auch noch einhundert Jahre danach voraus.

Dieses alte römische Prinzip von Teile und Herrsche wurde noch mit der Gründung eines neuen Staates mitten im Herzen der arabischen Welt massiv verschärft: Israel. Die Vertreibung von hunderttausenden Palästinensern zwischen 1947 und 1948 brannte sich wie ein schwarzer Fleck in die kollektive arabische Seele. Nahezu sämtliche weitere Kriege gegen die arabischen Nachbarn (1956, 1967, 1982, 1996, 2006, 2008 und 2014) wurden von Israel initiiert. Einzige Ausnahme war der Oktoberkrieg von 1973, auch als Yom Kippur-Krieg bekannt, als in einem koordinierten Angriff von Ägypten und Syrien ein ausschließlich politisches Ziel verfolgt wurde. Israel sollte zum Verhandlungstisch gezwungen werden, um die besetzten Gebiete von 1967 durch Verhandlungen wieder zurückzugewinnen.

Diese Verhandlungen hatten zur Folge, dass Ägypten die Sinai-Halbinsel wieder zurückbekam sowie jährliche US-Zahlungen in Milliardenhöhe bis heute erhält, und dafür einen Friedensvertrag mit Israel 1979 unterzeichnete. Syriens Machthaber und Vater des heutigen Präsidenten, Hafez al-Assad, sah in dem Abschluss des Friedensvertrages einen Verrat des ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat an der gemeinsamen Kriegsanstrengung und hohen Blutzoll, da sich Ägypten um eigene Interessen kümmerte. Die von Israel besetzten syrischen Golanhöhen und das Problem mit den Palästinensern blieb unangetastet.

Die Tatsache, dass Israel trotz dutzenden Resolutionen des UN-Sicherheitsrates stets ohne Konsequenzen davongekommen und von Washington geschützt wird, ist für eine positive Wahrnehmung des zionistischen Staates nicht gerade förderlich. Oder die ständigen Verletzungen des libanesischen Luftraumes durch tieffliegende Kampfjets der Israel Air Force (IAF), die zwar schön brav von den UN-Blauhelmen an der israelisch-libanesischen Grenze aufgezeichnet werden, aber sonst zu keinerlei Reaktionen aus Europa oder Amerika führen.

Oder die vielen israelischen Luftangriffe auf Ziele in Syrien in den vergangenen Monaten und Jahren, die von unseren Politikern ebenso unkommentiert bleiben. Oder Israels Bewaffnung von syrischen „Rebellen“, der Ruf von Dschihadisten Israel möge ihnen beim Kampf gegen die syrische Armee zu Hilfe eilen, und selbst das Eingeständnis des Meir Amit Intelligence and Terrorism Information Center aus Tel Aviv, dass „Israel und ISIS gewissermaßen Alliierte“ in ihrem Kampf gegen die syrische Regierung und den Iran sind.

Das alles sind Dinge, sind berechtigte Vorwürfe der Muslime an die Adresse unserer europäischen und amerikanischen Regierungen, mit ihrer Doppelmoral endlich aufzuhören. Sobald das geschieht, nehmen wir den Extremisten den Wind aus den Segeln und beginnen endlich, Verantwortung für unsere europäische Geschichte zu übernehmen. Dazu gehört auch das Thema Antisemitismus. In Berlin wird seit einigen Jahren zu Beginn des jüdischen Lichterfestes Chanukka, die achtarmige Chanukkia vor dem Brandenburger Tor aufgestellt. Es ist sogar die größte Chanukkia Europas.

Berlins Bürgermeister Michael Müller und Bundesjustizminister Heiko Maas waren am ersten Abend zum Anzünden der Kerze dabei. Warum also nicht auch eine ähnliche Würdigung des muslimischen Zuckerfestes (Eid al-Fitr), das am Ende des Fastenmonats Ramadan gefeiert wird? Und wenn wir schon dabei sind, und Feiern ohnehin eine gute Möglichkeit für kulturellen Austausch und Integration ist – immerhin ein zentrales Anliegen aller Regierungen – warum dann nicht auch andere hohe Feiertage von Minderheiten ähnlich begehen, wie Chanukka in Berlin?

 

 

 

 

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