Katalonien: Was spricht für die Abspaltung und was dagegen?

Am Donnerstag wählen die Katalanen ein neues Regionalparlament. Möchten sie in einer unabhängigen Republik oder in einem Teil Spaniens leben? Jüngsten Umfragen zufolge liegen die Gegner der Unabhängigkeit und deren Befürworter gleichauf. Deren Köpfe sind für Spaniens Regierung Staatsfeinde. Der Chef der Linksrepublikaner Oriol Junqueras musste aus dem Gefängnis Wahlkampf führen und Regionalpräsident Carles Puigdemont hatte sich nach seiner Entmachtung durch Madrid nach Brüssel abgesetzt.

Gegen die Abspaltung Kataloniens: Im patriotischen Lager herrscht Begeisterung über die separatistische Bewegung – weil wichtige Gesichtspunkte ausgeblendet werden.

Zunächst ein paar Fakten: Katalonien ist eine der 17 autonomen Gemeinschaften Spaniens. Sie ist die wirtschaftlich stärkste und die allgemein wohl bekannteste bis beliebteste – die Metropole Barcelona gilt als Sehnsuchtsort der europäischen Jugend, der FC Barcelona scheint für viele im In- und Ausland «mehr als nur ein Club» zu sein.

Cataluña (katalanisch: Catalunya) ist aber für einige mehr als die Regionalhauptstadt und ihre wirtschaftlich starke Umgebung. Es umfasst im Selbstverständnis mancher Unabhängigkeitsbefürworter auch Gebiete außerhalb der Region wie Valencia oder die Balearen mit Mallorca, wo Katalanisch gesprochen wird. Dabei handelt es sich nicht um einen Dialekt des Spanischen, sondern eine eigenständige romanische Sprache mit eigenen grammatikalischen Regeln. Der Unterschied zwischen den standardisierten Sprachen Català und Español (bzw. Castellano) ist größer als der zwischen Hochdeutsch und Schweizerdeutsch.

Hier beginnen die Probleme. Im Ballungsraum Barcelona leben mehr als drei Millionen Menschen. Mindestens ein Viertel sind Nicht-Katalanen aus anderen Regionen Spaniens, weitere starke Gruppen kommen aus dem spanischsprachigen Ausland (vor allem Südamerika), bis zu einem Fünftel der drei Millionen gar aus anderen Weltgegenden, insbesondere Moslems aus Pakistan und Nordafrika. Bei vielen Katalanen herrscht aber mehr Skepsis gegenüber hispanischer als außereuropäischer Zuwanderung: Zahlreiche Massendemonstrationen für offene Grenzen sprechen Bände.

Die historisch-politische Entwicklung in Katalonien ist seit über 300 Jahren von extremen Pendelschlägen gezeichnet. Im zurückliegenden Jahrhundert gab es zwei markante Stränge: Zunächst war unter dem Franco-Regime Katalanisch verboten, die regionale Kultur wurde massiv in ihrer Entfaltung gehindert. Der im Stile eines autoritären Feudalherrschers auftretende Generalísimo verzieh der Region nicht, dass sie im Bürgerkrieg (1936 – 1939) Kopf und Herz des «roten Spaniens» verkörpert hatte.

Nach der Diktatur schlug das Pendel um. Die «Katalanisierung Kataloniens» hat sich nicht mit Autonomierechten begnügt, nicht damit, dass beide Sprachen gleiche Rechte erhielten und alle Einschränkungen aufgehoben wurden. Vielmehr setzte eine offensive «Enthispanisierung» ein, die speziell
in Barcelona bizarre Blüten treibt, etwa Straßenumbenennungen, Diskriminierung nur spanischsprechender Bürger wie auch die Degradierung des Spanischen/Kastilischen zur «Fremdsprache».

Neben diesen gesellschaftlich-kulturellen Entwicklungen ist es die wirtschaftliche Potenz Kataloniens,
speziell in den industriellen und konsumgüterproduzierenden Sektoren, die den Abspaltungsdiskurs
antreibt: Die Rede ist nicht selten von der Melkkuh, die das ferne, arme, unproduktive Spanien am Leben erhalten muss.

Es sind also zwei Haupttendenzen, die die Unabhängigkeitsbefürworter dazu treiben, das Risiko eines Bürgerkrieges einzugehen: die national-kulturelle und die materielle. Derzeit überlappen sich beide Tendenzen, deswegen ist der Eigenständigkeitsgedanke auf dem Höhepunkt. Beim Referendum vom 1. Oktober beteiligten sich 2,26 Millionen Katalanen an der Abstimmung – das waren 42,3 Prozent aller Wahlberechtigten. 90 Prozent derer, die an die Urnen gingen, votierten für die Abspaltung.

Identitäre Politik? Fehlanzeige!

Aufgrund der national-kulturellen Tendenz üben sich auch in Deutschland freiheitliche Akteure in Solidarität: Da sei ein Aufflackern identitärer Politik zu konstatieren, der Wille, als Katalane in einem eigenen Staat zu leben. Seltsam an der geforderten Selbstbestimmung ist jedoch, dass die Sezessionisten eigene Grenzen gewissermaßen nur fordern, um sie dann wieder zu öffnen – für Migranten, die am besten aber nicht aus Restspanien stammen sollen, sondern von außerhalb.

Auch den katalanischen Furor als Bollwerk gegen Vereinheitlichungstendenzen aus Madrid und Brüssel zu bejubeln, wäre ein Missverständnis. Denn der Nationalismus, wie er von der linksradikalen Candidatura d’Unitat Popular (CUP) bis zu rechtsliberalen Demokraten vertreten wird, basiert auf dem Prinzip des Civic Nationalism, wie wir ihn auch aus Schottland kennen. Vorherrschend ist ein rein staatsbürgerliches (und erklärtermaßen nicht-identitäres) Verständnis von einer multikulturellen «Nation» – hierzulande würde man schlicht von Verfassungspatriotismus sprechen. In Katalonien vermengt sich dieser mit sozialen Anliegen, einer Refugees-Welcome- Mentalität sowie dem antispanischen Ressentiment, das sich aus historisch-antifaschistischen und aktuell-realpolitischen Motiven speist.

Auch die EU-Kritik der Sezessionisten wird überschätzt. Sie fordern von extrem links bis bürgerlich rechts vielmehr den Verbleib eines eigenständigen Kataloniens innerhalb der Union. Ihr Separatismus ist im Kern überwiegend linksliberal. Er will ein Katalonien in der EU – aber ohne den lästigen Mittler aus Madrid. Für Brüssel hingegen ist ein Zentralstaat Spanien, bei dem Katalonien als integraler Teil erhalten bleibt, von Vorteil. Nur mit polizeistaatlichen Maßnahmen gegen die Sezessionisten ist man in Brüssel nicht einverstanden, weil diese europaweit Reaktionen provozieren könnten. Dementsprechend heißt es seitens der EU-Nomenklatura, man sei besorgt, aber doch nicht in Panik – man setze auf demokratische Entscheidungsprozesse. Am Ende ist für die EU wichtig, den Standort Katalonien für gesamteuropäische wirtschaftliche Interessensgruppen (Pharma und Chemie, Metallund Maschinenbau) am Leben zu halten. Das geht am besten mit Spanien, aber notfalls auch ohne.

Für die EU ist die katalanische Frage also keine Frage auf Leben und Tod – für Madrid schon. Ironischerweise gilt das auch für Barcelona: Denn wenn Rest-Spanien keine Güter mehr aus Katalonien
bezöge, wäre der frischgebackene Staat gezwungen, noch stärker und preisgünstiger in die EU zu  xportieren. Damit wäre der relative Wohlstand potentiell bedroht – und damit ausgerechnet jener Aspekt,
der die Überheblichkeit vieler Katalanen gegenüber dem übrigen Land begründet. Ironisch scheint, dass
die überwiegend links ausgerichtete Unabhängigkeitsbewegung auf dieses wohlstandschauvinistische
Argument bauen kann. Zu recht hieß es dazu in der Zeit: «Die Separatisten sind eine Koalition von rechten und linken Kräften, mit gegenläufigen Motiven – eine merkwürdige Querfront aus Wohlstandsbürgern und Linksextremen.»

Die Solidarität linker Katalanen mit dem idealtypischen «Refugee» ist jedenfalls größer als jene mit dem arbeitslosen Spanier in Andalusien und Galicien. Das «lebendige Bewusstsein der Solidarität», das, wie José Ortega y Gasset einst ausführte, «unumgänglich ist für die Gesundheit der Nation», hat das Land verlassen.

Aufschwung der Antiseparatisten

Überall stehen die Zeichen auf Zuspitzung. Anfang Oktober gab es sogar große Anti-Madrid-Demos im Baskenland – hier droht ein weiterer Krisenherd. Das neoliberale Establishment in Madrid um Volkspartei (PP) und Sozialdemokraten (PSOE) kennt als Antwort auf die separatistische Herausforderung nur Repressalien. Sie haben abgewirtschaftet. Die Linkspartei Podemos schwankt zwischen Protest dagegen und einer gesamtspanischen sozialen Ausrichtung. Sie verzettelt sich.

Die kämpferische Rechte ist noch schwach. Sie versucht, den antinationalen Spaltungstendenzen im Zeichen des «Respekts» (#Respeto) entgegenzuwirken. Federführend in dieser Allianz sind die identitäre
Plattform für Katalonien (PxC) und der Front- National-Gesprächspartner Spanien 2000 (E-2000). Sie stehen am Beginn ihrer Arbeit, die schwer werden dürfte: Die PxC, ursprünglich eine reine Anti-Islamisierungs-Partei, kommt bei Wahlen immerhin auf bis zu zehn Prozent in ihren Hochburgen, in ganz Katalonien aber nur auf 2,5 Prozent. E-2000 stagniert im Promillebereich. Die zuwanderungskritische und sozialpatriotische Formation konnte bisher nur in ihrer katalanischsprachigen Stammregion Valencia Erfolge verzeichnen.

Doch die Wahrheit liegt oftmals auch auf der Straße: Gemeinsam mit anderen Gruppen konnten beide Gruppierungen am 3. Oktober spontan über 10.000 Menschen im Herzen von Barcelona gegen den Separatismus mobilisieren. Am 8. Oktober zogen dann bereits an die 500.000 durch die Straßen der Seefahrermetropole – ein unglaubliches Comeback der nationalen Einheit, das die eigentlich für den 10. Oktober geplante Ausrufung der Unabhängigkeit zunächst verzögerte.

( 8.692 )

Schreibe einen Kommentar