Londons Kampf ums Abendland

Erlebte England tagelange Rassenunruhen. Londons ehrwürdiges Regierungsviertel war damals nicht betroffen. Doch ein Bürgerkrieg wird vor den Mauern Westminsters nicht stoppen

Die Wegmarken 2018 und 2048 lassen an die zwei dreißigjährigen Kriege denken, die Deutschland und den Kontinent verwüstet haben: jenen von 1618 bis 1648 und den von 1914 bis 1945. Haben wir aus der Vergangenheit gelernt? Sind wir noch zu retten?

Trotz aller Erschütterungen – die Mehrheit der Bürger denkt an nichts Böses. Die Welt von gestern ist nur noch eine Luftspiegelung, doch man will es nicht wahrhaben. So hat Stefan Zweig in seinem gleichnamigen Roman schon die trügerische Stabilität des angehenden 20. Jahrhunderts beschrieben: «Wenn ich versuche, für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, in der ich aufgewachsen bin, eine handliche Formel zu finden, so hoffe ich, am prägnantesten zu sein, wenn ich sage: Es war das Goldene Zeitalter der Sicherheit. Alles in unserer fast tausendjährigen österreichischen Monarchie schien auf Dauer gegründet und der Staat selbst ein Garant dieser Beständigkeit. Die Rechte, die er seinen Bürgern gewährte, waren verbrieft vom Parlament, der frei gewählten Vertretung des Volkes, und jede Pflicht genau begrenzt.(…) Niemand glaubte
an Kriege, an Revolutionen und Umstürze. Alles Radikale, alles Gewaltsame schien bereits unmöglich in einem Zeitalter der Vernunft.» Doch innerhalb von vier Jahren verglühten alle diese Gewissheiten im Inferno des Weltkrieges. Die Dynastien Europas – die Habsburger, die Hohenzollern, die Romanows – sanken in den Staub, die großen Reiche waren vernichtet, Millionen starben. Kaum waren die Völker zur Ruhe gekommen, erhob sich aus dem Strudel der Weltwirtschaftskrise – nicht zuletzt eine Folge des Raubfriedens von Versailles – der Kriegsgott ein zweites Mal und ging mit blutiger Sichel durch Leningrad, durch Auschwitz, durch Dresden.

Die Schlafwandler, die in der Betrachtung des Historikers Christopher Clark 1914 zur Schlachtbank stolperten, – sind das nicht auch wir Heutigen?  Das Wahlverhalten zeigt: Die Allermeisten vertrauen noch auf die etablierte Politik. Ist das Geld nicht stabil, wo die Inflation doch beinahe auf null sank? Brummt die Wirtschaft nicht? Gibt uns das Internet nicht die Möglichkeit, uns frei im globalen Dorf zu bewegen? Nur eine Minderheit gesteht sich ein, dass es mit der Sicherheit vergangener Tage vorbei ist: Unsere Frauen und Töchter trauen sich bei Dunkelheit nicht mehr aus dem Haus. Auf den Weihnachtsmärkten spült man die Angst mit Glühwein herunter. Der Feind steht nicht mehr an der Grenze – er liegt schon in unseren Städten. Die Biedermänner haben die Brandstifter hereingelassen.

Der neue Religionskrieg

Die aktuelle Konstellation erinnert weniger an die Verheerungen des 20. Jahrhunderts, als Staaten mit ihren Armeen übereinander herfielen – obwohl man auch das, bei alldem Säbelrasseln der NATO an der Ostfront, nicht mehr ausschließen kann. Viel naheliegender ist jedoch der Blick zurück auf den Dreißigjährigen Krieg 1618 bis 1648, der in der Mitte des Reiches entstand, als Bürgerkrieg zwischen Protestanten und Katholiken. Die Marxisten, etwa Bertolt Brecht in Mutter Courage, haben darauf hingewiesen, dass das Feuer ökonomische Ursachen hatte, und ganz falsch ist das nicht: Die Besitzverhältnisse des Feudalismus zerbrachen damals unter den Hammerschlägen des entstehenden Finanzkapitals, und der Zündfunke für die Explosion, der Fenstersturz zu Prag, kam aus der Empörung der Böhmen über die Steuereintreiber des Kaisers. Doch ohne religiösen Fanatismus hätte der Brand nicht so lange und so heftig gewütet – am Ende waren die deutschen Lande entvölkert. Jeder Dritte war getötet worden oder verhungerte.

Mittlerweile ist die Leidenschaft der Christen im Kältebad der Aufklärung gefrostet worden. Selbst im Jubiläumsjahr von Martin Luther war von dessen Kampfgeist nichts mehr zu spüren, und im Vatikan sitzt ein gut gelaunter Narr. Statt des bloß konfessionellen Gegensatzes erleben wir nun einen handfesten religiösen Zusammenstoß, für dessen Beilegung kein Westfälischer Friede in Sicht ist: Die islamische
Intoleranz gegenüber den Ungläubigen im Abendland wurde durch unsere Großzügigkeit nicht etwa abgeschwächt, sondern angefacht. Die meisten Kinder und Enkel der in der ersten Generation noch leidlich integrierten Türken haben sich osmanisiert und leben als fünfte Kolonne Erdogans unter uns. Seit der Grenzöffnung strömen weitere und noch strenggläubigere Moslems zu uns, so dass ihre Zahl bis 2050 auf knapp 20 Millionen anwachsen könnte.

Das dritte Rom

Ist der Bürgerkrieg mit diesen Massen unabwendbar? Ja, sicherlich: Wenn wir uns der Scharia unterwerfen. Vielleicht kommen wir dann sogar mit einer relativ milden Variante davon, wie sie Michel Houellebecq in Unterwerfung schildert – also mit Kopftuchpflicht und Berufsverboten für Frauen, aber ohne die Burka-Ganzkörperkondome und Steinigungen. Aber was passiert, wenn – und das hat Houellebecq nicht auf dem Zettel – in den nächsten Jahren die Euro-Zone kollabiert und sich Millionen orientalischer Machos dann mit Fäusten und Kalaschnikows holen, was ihnen der kollabierende Sozialstaat nicht mehr zahlen kann?

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