NRW-Verfassungsschutz sieht Gefahr in salafistischen Frauennetzwerken

Der Verfassungsschutz in NRW sieht im wachsenden Einfluss weiblicher Salafisten die Gefahr von Parallelgesellschaften. Viele charismatische Führungspersonen der salafistischen Szene säßen in Haft – Frauen füllten die Lücken, sagte Behördenchef Freier.

Der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz sieht im wachsenden Einfluss weiblicher Salafisten die Gefahr, dass in Deutschland Parallelgesellschaften entstehen. Weil viele charismatische Führungspersonen der salafistischen Szene in Haft säßen, füllten Frauen die Lücken, sagte Burkhard Freier, Leiter des NRW-Verfassungsschutzes, der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (Mittwochsausgabe). Der Verfassungsschutz in NRW beobachte „ein sogenanntes Schwesternetzwerk mit 40 Frauen“. Sie seien gut vernetzt und auch von den Männern der Szene mittlerweile akzeptiert.

Die 40 „Schwestern“ hätten ein komplettes salafistisches Programm im Angebot, sagte Freier. Dieses reiche von der Kindererziehung über das Kochen und die Interpretation von Religionsvorschriften bis zur Hetze gegen „Nichtgläubige“. Das Salafistinnen-Netzwerk werbe und missioniere aggressiv im Netz. Weil die Frauen zudem ihre eigenen Kinder indoktrinierten, werde der Salafismus „zu einer Familienangelegenheit“. Dabei entstehe etwas, „was sehr viel schwerer aufzulösen ist, nämlich salafistische Gesellschaftsteile“.

Auch durch das repressive Vorgehen der Sicherheitsbehörden gegen die salafistische Szene – wie das Verbot der Koran-Verteilaktion „Lies!“ – finde nun „immer mehr in Hinterhöfen oder Wohnzimmern statt“, fügte Freier hinzu. Zugleich radikalisiere sich die Szene weiter, immer mehr minderjährige Salafisten würden über Gewalt fantasieren. Zudem nehme wegen der militärischen Niederlage der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) die Zahl der Ausreisen nach Syrien und in den Irak ab, während die Zahl der Rückkehrer zunehme. Unter den Rückkehrern seien zunehmend Frauen.

PräventionsarbeitSalafismus in Schule und Kita

Ein 15 Jahre altes Mädchen will erst nach Syrien ausreisen, greift dann einen Polizisten in Hannover mit einem Messer an – der Fall Safia S. sorgt für viel Aufsehen. Solche salafistischen Radikalisierungen verhindern will der Verein beRATen. Er beschäftigt sich vor allem mit Schülerinnen und Schülern – und inzwischen auch schon mit Salafismus in der Kita.

Hannover Hauptbahnhof. Ende Februar 2016 soll hier ein 15 Jahre altes Mädchen einen Polizisten mit einem Messer angegriffen haben, Safia S. Der Polizist wurde lebensgefährlich am Hals verletzt. Safia S. soll Kontakte zu Salafisten gehabt haben. Wenige Wochen vor dem mutmaßlichen Angriff soll sie versucht haben, über die Türkei nach Syrien zu reisen.

Nur wenige Gehminuten vom Tatort entfernt hat der Verein beRATen seine Büros. Er will verhindern, dass junge Menschen sich salafistisch radikalisieren, dass sie ähnliches tun wie Safia S. – ausreisen oder angreifen. Im ihrem Fall hat das nicht funktioniert. Aber was muss anders laufen, um solche Angriffe zu verhindern?

„Idealerweise stellen zum Beispiel die Lehrer in der Schule fest, dass sich die Schülerin oder der Schüler zurückzieht, dass durchaus auch problematische Äußerungen fallen.“

Christian Hantel ist Sozialpädagoge und leitet die Beratungsstelle des Vereins beRATen.

„An der Stelle kann ich immer wieder nur auch die Kollegen in den betroffenen Stellen ermuntern, sich dann so frühzeitig wie möglich auch zum Beispiel mit unserer Fachstelle in Verbindung zu setzen, um über diesen konkreten Fall zu sprechen.“

Nicht nur Lehrer wenden sich an Christian Hantel und seine Kollegen. Auch Eltern, Familien und Freunde von jungen Menschen suchen Rat. Genauso Behörden, etwa Schulen, Jugendhilfe und Jugendämter.

Junge Menschen ohne Perspektiven

Vor knapp zwei Jahren hat der Verein beRATen seine Arbeit aufgenommen. Er ist für ganz Niedersachsen zuständig, wird unterstützt von der Landesregierung und von islamischen Verbänden. Die Beratungszahlen steigen, derzeit betreut beRATen etwa 100 „aktive Fälle“, sagt Christian Hantel. Seine „Fälle“, also islamische Extremisten, sind zumeist unter 30 Jahre alt – und perspektivlos. Das macht empfänglich für Propaganda.

„Die Salafisten selber bezeichnen sich ja auch als Gruppe der besten Menschen. Das heißt also, wer es bis dahin geschafft hat, der gehört dazu und ein junger Mensch, der wenig Perspektive hat, der hat natürlich ein großes Bedürfnis nach Halt und Struktur und es kann eben sein, dass diejenige oder derjenige es eben auch in dieser Ideologie wiederfindet.“

Jeder Zweite ist ein Konvertit

Bei der Hälfte der Fälle, die Christian Hantel und seine Kollegen in Hannover betreuen, geht es um Konvertiten. Sie kommen nicht aus muslimischen Familien, interessieren sich aber dennoch für den radikalen Islam. Dass sich junge Nicht-Muslime wie auch Muslime dem Salafismus zuwenden, deutet Hantel oft als Zeichen des Protests – gegen gesellschaftliche Normen oder die Familie.

„Es kann Protest und Provokation sein, aber es kann auch eine Radikalisierung bedeuten. Beides ist möglich.“

Konflikte in der Familie sind für den Sozialpädagogen eine Hauptursache für salafistische Radikalisierungen. Deshalb will Christian Hantel mit diesen jungen Frauen und Männern auch nicht in erster Linie über Religion diskutieren.

„Es geht in dem Beratungsprozess auch nicht darum, dass wir den – Beispiel – Lehrer dahingehend fit machen, dass er sich sozusagen in einen theologischen Diskurs begeben kann. Da geht es darum, dass wir versuchen wollen, die Beziehung zu stärken, dass wir versuchen wollen herauszufinden, was treibt den Schüler gerade um, zu gucken, dass wir Unterstützung in der Weise anbieten, dass wir auch uns mit der Zukunft beschäftigen und auch damit, was eben die jungen Menschen wollen und der Frage, wie können wir sie dahingehend unterstützen.“

„Beziehung zwischen Eltern und Kindern stärken“

Wer in Schule und Beruf zurechtkommt, sich mit Familie und Freunden gut versteht, ein intaktes soziales Umfeld hat, der ist für radikale Ideologien weniger empfänglich.

„Ein Erfolg ist, wenn sich die Beziehung zwischen Eltern und Kindern maßgeblich festigt, es wieder eine Grundlage gibt, sich zu begegnen und dann natürlich auch damit, dass man eben gemeinsam Aktivitäten vorantreibt. Das als ein Beispiel.“

Ob das auch bei Safia S. geholfen hätte? In ihrem Fall gab es offenbar Kontakt von Mutter und Tochter. Sie sollen regelmäßig gemeinsam einen radikalen Islamverein besucht haben. Christian Hantel und der Verein beRATen beobachten darüber hinaus einen neuen Trend: Immer öfter haben sie mit den Kindern von Salafisten zu tun, und sie bekommen immer mehr Anfragen von Erzieherinnen und Erziehern, wie sie radikalen Eltern begegnen sollen. Salafismus wird auch im Kindergarten zum Problem.

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